Verflochtene Religionen? Ein Dialog

Verwandt, verflochten, entfremdet? Oder gar verfeindet? Wie prägen historische Erfahrungen, theologische Reflexionen und interreligiöse Projekte die jüdisch-christlich-islamischen Verhältnisse? Welche Chancen und Herausforderungen stehen uns gegenüber?

Die Jahrestagung des Theologischen Forums Christentum – Islam vom 23. bis 25. Februar 2025 in Stuttgart-Hohenheim betrachtete die komplexen Beziehungsgeschichten zwischen Judentum, Christentum und Islam.

Christian Ströbele (Akademie) unterstrich die Dringlichkeit des Themas angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Lage und betonte das Leitprinzip des Forums, „eigene Traditionen selbstkritisch zu reflektieren, Positionen der je anderen Religion zu verstehen und Konsens wie Differenz gleichermaßen Raum zu geben“.

Zwischen Kooperation und Konflikt: Dynamische Konstruktionen

Anja Middelbeck-Varwick führte ein, dass die Tagung insbesondere die Konstruktion und Reflexion des Judentums in der christlichen und muslimischen Tradition ins Zentrum stelle. Dabei gehe es sowohl um eine historische Betrachtung wechselseitiger Bezugnahmen, wie auch um die Frage, wie diese Beziehungsgeschichten das Selbstverständnis und die theologische Entwicklung der jeweiligen Religion bis heute prägen und theologisch zu begreifen und weiterzuentwickeln sind.

Armina Omerika betonte die Bedeutung und Komplexität der Beziehungen zwischen Judentum und Islam, die durch den Nahostkonflikt, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, überschattet werden. Religionen seien „keine statischen Gebilde“, sondern „dynamische Konstruktionen“, die sich in einem fortwährenden Prozess der „Co-Konstruktion“, also der Weiterentwicklung und gegenseitigen Beeinflussung befänden. Sie warnte vor essentialistischen Betrachtungsweisen und forderte stattdessen eine „radikale Historisierung der Positionen“, um die Bedingungen und Voraussetzungen der Entwicklung theologischer Positionen nachzuvollziehen.

Theologische Herausforderungen: „echter“ Dialog und historische Schauplätze

Dr. Edward Kessler (Woolf Institute, Cambridge, UK), betonte die Notwendigkeit eines echten Dialogs, welcher die Andersartigkeit anerkennen müsse – „embracing the dignity of difference“ – und verwies auf die „Muslim-Jewish Reconciliation Accords“ als Meilenstein für interreligiösen Austausch. Prof. Stefan Schreiner beleuchtete „Schauplätze der Be- und Vergegnung“ und zeigte, wie historische Erfahrungen und soziale Interaktionen, beispielsweise auch die Verwendung und Entwicklung von Sprache, die Beziehungen zwischen Juden, Christen und Muslimen oft stärker prägten als theologische Reflexion.

Methodenfragen und hermeneutische Perspektiven

Farid Suleiman, Katharina Heyden und Reuven Firestone diskutierten methodische Grundfragen interreligiöser Hermeneutik. Suleiman forderte eine praxisorientierte interreligiöse Hermeneutik, welche die gelebte Praxis und deren ethische Implikationen in den Vordergrund stellt. Heyden stellte das Konzept der „koproduzierten Religion“ vor, wonach Judentum, Christentum und Islam sich durch Interaktion, Reflexion und Imagination gegenseitig geformt und transformiert haben. Firestone erinnerte daran, dass wir alle Geprägte unserer Geschichte und unserer unzureichenden Wahrnehmungen sind und plädierte daher für Bescheidenheit und Offenheit gegenüber anderen religiösen Traditionen, auch wenn sie uns fremd erscheinen.

Die Hebräische Bibel im Spiegel von Judentum, Christentum und Islam

Prof. Ghaffar, Prof. Bechmann und Rabbinerin Prof. Klein analysierten unterschiedliche Zugänge zu heiligen Texten. Ghaffar stellte unter Verweis auf Sure 5,44 die koranische-theologische Perspektive auf Tora und Schriftauslegung vor. Bechmann zeigte anhand des Galaterbriefs (Gal 3–4) und den Genealogien bei Matthäus und Lukas die Konstruktion einer neuen Identität der Abraham-Figur im Neuen Testament auf. Klein hob die „Antidogmatik“, das heißt die Pluralität der mündlichen Tora und ihre Weiterentwicklung der schriftlichen Tora, der jüdischen Auslegungstradition hervor. Illustriert wurde dies am Beispiel der talmudischen Erzählung über Rabbi Eliezer, dessen Argumente – trotz Wunder und göttlicher Stimme – ignoriert werden. Es soll stattdessen nach der Meinung der Mehrheit entschieden werden, weshalb Gott lächelnd feststellt: „Meine Kinder haben mich besiegt.“

Thematische Foren zum Austausch und zur Vertiefung

Vier parallele Foren boten vertiefende Perspektiven: „Rezeptionen jüdischen Denkens in Christentum und Islam“ befasste sich mit dem Einfluss jüdischer Philosophen wie Cohen, Jonas und Levinas. Das Forum „Normativität der Religion und Folgen für das Zusammenleben“ untersuchte religiöse Rechtskonzepte und ihre Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben. „Erinnerungskultur und Gedächtnis der Konflikt- und Begegnungsgeschichte“ diskutierte die Bedeutung und den Umgang mit konfliktreicher Geschichte, während „Judentum und jüdisches Leben in Bildungskontexten“ die Darstellungen des Judentums in verschiedenen Bildungsmedien und -zusammenhängen analysierte.

Viel Dynamik in der interreligiösen Projektarbeit

Das offene Forum bot einen Einblick in die Vielfalt aktueller Projekte und Initiativen im Bereich des interreligiösen Dialogs. So wurden zahlreiche Projekte vorgestellt: von „Schalom und Salam“ über „Meet a Jew“ bis hin zu „Religion? All you can ask!“. Akademische Initiativen wie der Erweiterungsstudiengang „Interreligiöse Mediation“ der Universität Augsburg zeigten Wege zur Professionalisierung des Dialogs. Auch praktische Hilfestellungen wie die Handreichung zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken in Kirchenräumen wurden präsentiert.

© Akademie, Ohnesorge
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Identitätskonstruktionen und (Gegen-)Narrative zum Judentum

Prof. von Kellenbach, Prof. Dziri und Rabbiner van Voolen analysierten die Problematik unterschiedlicher Narrative, Differenzkonstruktion und stereotype Wahrnehmungen in den interreligiösen Beziehungen. Unter anderem verdeutlichte von Kellenbach anhand des Projekts „Bildstörungen“ die Gefahr unkritischer religiöser Bildtradition und der Reproduktion dadurch enstandener Zerrbilder. Dziri identifizierte vier dominante Erzählmuster zur jüdisch-muslimischen Begegnung und zeigte deren Implikationen auf. In der anschließenden Diskussion führte er an, dass durch mehr gegenseitiges Wissen jüdisch-muslimische Gespräche und Solidarität in die Zentren der jeweiligen Selbstverständnisse gerückt werden könnten. Van Voolen zog Psalm 149 als Beispiel heran, um die Verzweckung von biblischen Texten zur Legitimierung von Gewalt darzustellen.

Podiumsdiskussion: aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen

In der Podiumsdiskussion wurde nochmals intensiv auf die Herausforderungen des jüdischen Lebens und das interreligiöse Zusammenleben in Deutschland eingegangen. Dr. Blume betonte die zunehmende Polarisierung, die religiöse Minderheiten besonders treffe. Rabbinerin Jonas-Märtin kritisierte die häufig einseitige Berichterstattung, fehlende Empathie und merkte das Schweigen vieler Dialogpartner nach dem 7. Oktober 2023 an. El Yazidi plädierte für einen gemeinsamen Bürgerschaftsgedanken und eine gemeinsame Verantwortung: „Es ist nicht die Aufgabe von Juden, gegen Antisemitismus zu kämpfen. Es ist unsere Aufgabe. Und es ist nicht die Aufgabe von Muslimen, gegen antimuslimischen Rassismus aufzustehen. Es ist unsere gemeinschaftliche Aufgabe.“

Zentrale Erkenntnisse der Tagung

Die Tagung verdeutlichte, dass Judentum, Christentum und Islam nicht als isolierte Entitäten zu verstehen sind, sondern als „Co-Konstruktionen“, die sich in ständiger gegenseitiger Beeinflussung entwickelt haben und weiterhin entwickeln. Historische Erfahrungen und soziale Interaktionen prägen diese Beziehungen mindestens so sehr wie theologische Reflexionen. Eine kontextsensible Interpretation heiliger Texte ist notwendig, um polemischen Auslegungen entgegenzuwirken. Überhaupt braucht es hermeneutische Sensibilität, epistemische Demut und Transparenz und die kritische Prüfung problematischer Narrative. Echte Begegnungen brauchen Zeit und müssen über ein „Feigenblättchen“-Verhältnis hinausgehen. Dann kann Differenz als produktiv anerkannt werden, ohne dass sie zu Feindschaft wird. Der Kampf gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und insbesondere gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus ist gemeinsame Verantwortung aller Religionsgemeinschaften.

Die Tagung schloss mit den Worten einer rabbinischen Erzählung: „Die Nacht wird enden, wenn wir Menschen in dem Gesicht des Gegenübers den Bruder und die Schwester erkennen.“

(Weitere Informationen und Videos von Forumsbeiträgen im ausführlichen Tagungsbericht)

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